Drei Wochen Pendlerstrecke, ein gelber Akkupack und jede Menge Enduro-Optik: Ich konnte die Can-Am Origin im Alltag testen und dabei auch kurz in die sportlichere Schwester Pulse reingeschnuppert. Wie sich das Elektro-Adventure-Bike auf Asphalt und leichtem Gelände schlägt, erzähle ich in diesem Test.

Jeden Morgen ein Motorrad besteigen, das aussieht, als könnte man direkt ans Nordcap aufbrechen, tatsächlich aber vor allem den Weg zur Arbeit meistert – das war mein Alltag mit der Can-Am Origin. Im Adventure-Look mit hohem Windschild, Sturzbügeln und Offroad-Bereifung wirkt die Origin fast schon too much fürs reine Stadtpendeln. Genau das macht aber einen Teil des Spaßes aus. Ich bin das Elektromotorrad einige Wochen lang zur täglichen Arbeit gefahren und haben zusätzlich kurz die Schwester Pulse ausprobiert, die eher auf Asphalt-Cowboys als auf Geländefans zielt.







Technik und Ausstattung
Die Origin ist Can-Ams Enduro-Variante im elektrischen Antriebs-Baukasten der Marke, die Pulse das dazugehörige Naked Bike. Beide teilen sich den Antrieb aus dem hauseigenen Rotax-E-Power-Baukasten von BRP: einen flüssigkeitsgekühlten Elektromotor mit bis zu 35 Kilowatt Spitzenleistung, der auf 20 Kilowatt Dauerleistung gedrosselt werden kann, um in die Führerscheinklasse A2 zu passen. Bei der Origin sorgt das für einen Sprint von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde in 4,3 Sekunden, die Pulse schafft dank geringerem Gewicht und gestreckterer Sitzposition 3,8 Sekunden. Fahrfertig bringt die Origin 187 Kilogramm auf die Waage, die Pulse 177 Kilogramm.
Der Akku fasst 8,9 Kilowattstunden und ist fest in den Rahmen integriert, was dem Gewicht und der Optik zugutekommt. Can-Am gibt für die Origin eine Reichweite von bis zu 145 Kilometern im Stadtverkehr und 115 Kilometern im kombinierten WMTC-Zyklus an, die Pulse kommt dank ihrer sportlicheren, geduckteren Sitzposition auf rund 15 Kilometer mehr. Geladen wird über ein eingebautes 6,6-Kilowatt-Ladegerät, das laut Hersteller in rund 50 Minuten von 20 auf 80 Prozent lädt. Der Endantrieb läuft komplett gekapselt im Ölbad und soll erst alle 16.000 Kilometer einen Service benötigen. Can-Am ruft für die Origin einen Preis um 17.499 Euro auf, die Pulse ist mit rund 16.899 Euro etwas günstiger positioniert, jeweils zuzüglich Nebenkosten.
Bedient wird beides über ein 10,25 Zoll großes Farb-Touchdisplay, das Fahrmodi, Batteriestatus und Reichweite anzeigt. Aus Sicherheitsgründen lässt sich der Touchscreen während der Fahrt nicht bedienen, sondern nur im Stand; unterwegs übernehmen Tasten am linken Lenkerende die Steuerung. Bei der Energierückgewinnung unterscheidet Can-Am zwei Systeme: Eine passive Rekuperation greift automatisch beim Bremsen oder im Schiebebetrieb und lässt sich in den Stufen Off, Min und Max einstellen. Zusätzlich gibt es eine aktive Rekuperation, die sich auslösen lässt, indem man den Gasgriff über die Nullstellung hinaus nach vorne dreht, ebenfalls in zwei einstellbaren Stärken.
Bei der Ausstattung zeigt sich, wie durchdacht Can-Am das Zubehörsystem gelöst hat: Über das sogenannte Linq-System lassen sich Taschen und Zubehör ohne Werkzeug an vorgesehenen Schraubpunkten befestigen, etwa eine kleine Tanktasche oben am Tank. Das höhenverstellbare Windschild lässt sich einfach und ohne Werkzeug in der Position verändern, was gerade mit einem hohen Adventure-Helm angenehm ist. Handguards schützen die Finger zumindest vor Fahrtwind, eine Griffheizung gehört in unserer Testkonfiguration allerdings nicht zur Ausstattung. Zusätzliche LED-Scheinwerfer lassen sich über einen kleinen Schalter zuschalten und sorgen für deutlich mehr Licht bei Dunkelheit oder in den frühen Morgenstunden. Ab Werk montiert Can-Am laut Hersteller Pirelli-Scorpion-Trail-II-Reifen, unser Testmotorrad war jedoch mit gröberer Offroad-Bereifung unterwegs; wer überwiegend auf Asphalt fährt, kann im Konfigurator auf eine straßenorientierte Adventure-Bereifung wechseln.
Für Smartphone-Anbindung ist Apple Carplay an Bord, Android Auto dagegen nicht. Android-Smartphones lassen sich zwar per Bluetooth koppeln, dann aber nur für Musik, Telefonate und die Sprachassistenz, ohne die volle Spiegelung des Displays. Für 2026 hat Can-Am mit der BRP-GO!-App eine plattformübergreifende Navigationslösung für Android und iOS angekündigt, die ohne Bluetooth-Headset auskommen soll. Dazu gibt es ein nicht abschließbares Staufach unter einer Plastikklappe, in dem auch ein Ladekabel für das iPhone verbaut ist. Der Anschluss dort ist jedoch noch ein USB-A-Port, für den ein zusätzlicher USB-C-Adapter nötig ist. Für ein iPhone 17 Pro wird es in diesem Fach spürbar eng.
Zu meiner Erfahrung haben ich auch ein kleines Video auf Youtube gemacht.
Unsere Erfahrung
Auf der Straße überzeugt die Origin vor allem durch ihre Sitzposition. Obwohl ich nicht besonders groß sind, kam ich jederzeit sicher mit beiden Füßen auf den Boden, saß dabei angenehm hoch und hatte einen guten Überblick über den Verkehr. Der Abstand zum Lenker passte ebenfalls gut, sodass sich die Origin auch auf der täglichen Pendelstrecke bequem fahren ließ. In Kurven liegt das Motorrad sicher, der Antritt des Motors zieht spürbar durch. Mit den grob profilierten Offroad-Reifen unseres Testbikes ist allerdings etwas mehr Vorsicht angebracht als mit der straßenorientierten Alternativbereifung.
Gewöhnungsbedürftig fand ich zu Beginn die aktive Rekuperation, bei der man den Gasgriff über die Nullstellung hinaus nach vorne dreht, um gezielt Bremsenergie zurückzugewinnen. Das fühlt sich anfangs ungewohnt an, weil man diese Bewegung von keinem anderen Fahrzeug kennt. Nach ein paar Fahrten hatte ich mich aber schnell daran gewöhnt und konnte die Funktion gezielt einsetzen.
Die Federung ist der Punkt, an dem die Origin im Alltag am ehesten anecken könnte: Die Dämpfer sprechen wenig feinfühlig an, auf schlechteren Pisten wird es merklich holprig. Auf reinem Asphalt, wie ich es mit der Pulse erlebt habe, fällt das kaum auf, auf Schotterwegen und unebenen Strecken mit der Origin dagegen schon.
Im Alltag kam ich auf eine Reichweite von rund 110 Kilometern, bei zügigerer Fahrweise sank sie auf 100 bis 105 Kilometer. Für meine tägliche Pendelstrecke von rund 50 Kilometern reichte eine Ladung locker für zwei Tage. Das Nachladen dauerte bei mir – egal ob an der Wallbox oder mit dem mitgelieferten Kabel – von etwa 10 Prozent bis voll rund eine Stunde 45 bis eine Stunde 50 Minuten. Einen Schnelllader gibt es für die Origin nicht.


Apple Carplay funktionierte in meinem Test zuverlässig, sofern man die Reihenfolge beim Verbinden einhält: erst das Smartphone anschließen, dann das Headset aktivieren. Ich haben dafür ein Cardo Packtalk Neo-Headset genutzt, das sich klanglich mit JBL-Lautsprecher und beim Mikrofon gut geschlagen hat. Über die Tasten am linken Lenkerende lassen sich Anrufe, Musik und über die Mikrofontaste auch Siri steuern.
Die mitgelieferten Satteltaschen sehen gut aus und lassen sich abschließen, sind durch die feste Nahtführung aber kaum erweiterbar und bieten wenig Stauraum. Sehr praktisch fanden wir die im Satteltaschen Lieferumfang gepolsterten Notebooktaschen mit Tragegurt.
Ein klarer Schwachpunkt sind für mich die Rückspiegel: Sie reichen selbst bei schmalerer Statur kaum über die Schultern hinaus und schränken die Sicht nach hinten spürbar ein.
Die Pulse habe ich nur kurz gefahren, sie fühlt sich durch die gestrecktere Sitzposition deutlich sportlicher und schneller an als die Origin. Für alle, die überwiegend auf der Straße unterwegs sind, ist sie die naheliegendere Wahl.

Empfehlung
Wer ein Elektromotorrad für den täglichen Weg zur Arbeit sucht, dabei auf Optik und ein bisschen Abenteuer-Charakter nicht verzichten möchte und gelegentlich auch mal leichtes Gelände oder unbefestigte Wege mitnehmen will, findet in der Can-Am Origin ein unterhaltsames Gefährt mit überschaubaren, aber verschmerzbaren Schwächen. Wer dagegen überwiegend auf der Straße unterwegs ist und eine sportlichere Sitzposition bevorzugt, sollte einen Blick auf die Schwester Pulse werfen.
Fazit
Die Can-Am Origin macht im Alltag richtig viel Spaß und punktet mit cleverem Zubehörsystem, guter Sitzposition und ordentlicher Straßenlage. Federung, Rückspiegel und der USB-A-Anschluss zeigen aber, dass noch nicht alles bis ins letzte Detail ausgereift ist. Für Pendlerstrecken mit gelegentlichem Ausflug ins leichte Gelände ist sie dennoch eine unterhaltsame Wahl.
Pro:
- Cleveres LinQ-Zubehörsystem
- Bequeme, gut einstellbare Sitzposition
- Zuschaltbare optionale LED-Zusatzscheinwerfer
- Sicheres Kurvenverhalten und flotter Antritt
- Zwei einstellbare Rekuperationssysteme
Kontra:
- Wenig feinfühlige Federung auf unebenem Untergrund
- Zu kurze Rückspiegel
- USB-A- statt USB-C-Anschluss im Staufach
- Kein Android Auto, nur eingeschränkte Bluetooth-Anbindung für Android
- Kein Schnellladen möglich
- Optionale Satteltaschen bieten wenig Stauraum

